Immer weniger junge Menschen interessieren sich für einen Job bei der Feuerwehr. Gab es vor einigen Jahren noch mehrere hundert Bewerber für die Ausbildungsplätze, so hofft beispielsweise die Berufsfeuerwehr Gera in diesem Jahr auf rund 100 Bewerber. Größtes Hindernis auf dem Weg in den "brandheißen" Beruf: der mehrtägige Aufnahmetest. Wie anspruchsvoll der ist, hat MDR THÜRINGEN-Reporterin Franziska Heymann einmal ausprobiert.

"Aus dem freien Hängen nach oben - Kinn über die Stange - und wieder nach unten hängen." Als wäre es die leichteste Übung der Welt, zeigt mir Feuerwehr-Ausbilder Matthias Ehricht, wie ich regelkonforme Klimmzüge mache. Fünf Stück braucht es mindestens für die Aufnahmeprüfung - Matthias (wir sind ganz schnell beim Du gelandet) sieht allerdings aus, als könnte er den ganzen Tag am gut zwei Meter hohen Reck turnen.

Ich dagegen hänge wie ein nasser Sack herum und mühe mich wild zappelnd ab, mit dem Kopf wenigstens in die Nähe der Reckstange zu kommen. "Mehr Spannung in die Arme, Ellbogen beugen, dann geht’s nach oben!" Bei mir beugt sich nicht viel und nach oben geht es erst recht nicht. Mist, durchgefallen! Und das beim ersten Test. Würde ich mich als Brandmeisteranwärterin bewerben, könnte ich jetzt direkt nach Hause gehen, denn Klimmzüge gehören zu den Ausschlusskriterien. Die muss also auch der klügste Kopf im Wissenstest und der schnellste Läufer schaffen.

Die Anforderungen für Männer und Frauen sind immer gleich und enden in einer Bestenauslese. "Das Feuer ist dasselbe, der Unfall ist gleich, und darum unterscheiden wir auch nicht beim Aufnahmetest", erzählt Ausbilder Göran Kugel, der gemeinsam mit Matthias meine Feuerwehrtauglichkeit prüft. Trotzdem wünschen sich die Feuerwehrleute ausdrücklich Bewerbungen von Frauen.

Viel Gurt für wenig Frau

Auch das Leitersteigen gehört zu den Ausschlusskriterien. "Feuerwehrleute sollten schließlich keine Höhenangst haben. Das ist ein einfacher Test, um zu prüfen, ob Bewerber schwindelfrei sind", erklärt Göran. "Wer das nicht schafft, hat in diesem Beruf nichts verloren", sagt Matthias. Er ist nicht nur Ausbilder, sondern auch im Höhenrettungstrupp und verschnürt mich wie ein Weihnachtsgeschenk für den sicheren Aufstieg. "Ganz schön viel Gurt für wenig Frau" - nach einem skeptischen Blick zieht Matthias nochmal kräftig an den Schnüren.

Dazu bekomme ich von Göran die passende Kopfbedeckung. Natürlich nicht irgendeinen Sturzhelm, sondern einen richtigen Feuerwehrhelm. Cool! Aber zum Radfahren möchte ich den trotzdem nicht aufsetzen, denn noch vor meinem Aufstieg wird mir ganz schön warm am Kopf. Wie das mit bis zu 40 Kilogramm Schutzausrüstung im Brandfall ist, will ich mir gar nicht vorstellen.

"Bleib' nah an der Leiter, steig nicht zu schnell und lass nicht mit beiden Händen los" - mit diesen durchaus ernst gemeinten Tipps von Göran kann ja nichts mehr schief gehen und so klettere ich munter los. 30 Meter hoch ist die Leiter des Rüstwagens. Aus den Fenstern gegenüber werde ich neugierig von den aktuellen Feuerwehrlehrlingen beäugt. Ich glaube, die würden auch lieber rumklettern statt die Schulbank zu drücken.

Schnaufend, aber gut gelaunt komme ich am oberen Ende der Drehleiter an und werde von Feuerwehrmann Mario Olt freundlich begrüßt, der mich gesichert hat. Nach einem kurzen Schwatz klettere ich wieder runter. "Ganz toll, deutlich besser als die Klimmzüge", lobt Matthias. Viel schlimmer kann es ja auch nicht kommen.

Dreieck basteln und Holz sägen unter Zeitdruck

Falsch gedacht. Für eine kleine körperliche Verschnaufpause ist als nächstes der Kopf gefragt. Neben einem Test in Allgemeinwissen, Rechtschreibung und Mathematik stehen auch logisches Denken und technisches Verständnis auf dem Prüfbogen. Aus drei unterschiedlich langen Holzstücken mit verschiedenen Kantenenden soll ich innerhalb einer Minute ein rechtwinkliges Dreieck zusammenbauen.

Während ich wild die Hölzer hin und her schiebe, kneift Matthias mit einem Seufzen die Augen zusammen und schüttelt mit dem Kopf. Nicht bestanden - aber das geht bei diesem Test wohl vielen so. Als nächstes muss ich in der Feuerwehr-Werkstatt innerhalb von 30 Sekunden einer Metallplatte, einem Stein und einem Stück Holz den passenden Bohrer zuordnen. Mit der Präzision eines Uhrwerks ordne ich die Bohrer alle falsch zu. "Null von drei Punkten", kommentiert Matthias trocken. Wie peinlich!

Zum Glück gehören diese Aufgaben nicht zu den Ausschlusskriterien. Hier können Bewerber "nur" Punkte sammeln für die Bestenauslese. Einen Versuch an der Technikfront habe ich noch: Fein säuberlich aufgereiht liegen ein Zollstock, ein Stück Holz und vier Sägen auf dem Tisch. Zwei Minuten habe ich Zeit, 30 Zentimeter Holz abzusägen.

Die Aufgabe erinnert mich spontan an das Baumstammsägen bei meiner Hochzeit, hat aber einen ganz lebenspraktischen Sinn: Das Sägen ist zum Beispiel bei einem Sturmschaden nötig, um eine Tür oder Fenster zu sichern, erklärt Matthias. Tatsächlich schaffe ich es in der vorgegebenen Zeit, das Stück Holz zurechtzuschnippeln. Matthias misst mit kritischem Auge das tatsächlich exakt 30 Zentimeter lange Holzstück nach: "Hut ab, ich hab' nichts zu meckern."

"Du musst den Job leben"

Wer sich bei der Berufsfeuerwehr bewirbt, muss kein Leistungssportler oder Mathematikgenie sein, erklärt Ausbilder Göran Kugel, vielmehr sollte man alles ein bisschen beherrschen. Seiner Meinung nach hat die Qualität der Bewerber in den vergangenen Jahren nachgelassen: "Immer mehr Bewerber sehen den Test so Wischiwaschi, diese Einstellung hat zugenommen", erzählt er. Die meisten scheitern an den Sportaufgaben. Dabei könnte man die doch im Internet oder in Büchern vorab nachlesen und entsprechend trainieren.

Sein Kollege Matthias Ehricht empfiehlt je nach Fitnessgrad etwa drei bis sechs Monate Training vor dem Test. Klimmzüge oder auch den 3.000-Meter-Lauf (der mir zum Glück heute erspart bleibt) könne jeder üben. Wenn Bewerber mit völlig falschen Erwartungen zu dem Aufnahmetest antreten, schütteln die beiden Ausbilder innerlich nur noch den Kopf. Trotzdem motivieren sie die Interessenten, es im Zweifelsfall im nächsten Jahr noch einmal zu probieren. "Wir suchen dringend gute Leute, keine Genies, aber die Bewerber sollen sich einfach vorbereiten", sagt Göran Kugel.

Er selbst ist seit den Neunzigern Feuerwehrmann mit Herz. "Du musst den Job wollen und leben", erklärt er auch mit Blick auf die Arbeit in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen. Als er sich damals beworben habe, hätte es noch Hunderte Bewerber um die Ausbildungsplätze gegeben. Heute hofft die Geraer Berufsfeuerwehr auf gut 100 Interessenten für die Ausbildungsplätze im mittleren und gehobenen Dienst. Die wenigsten werden am Ende den Test bestehen. Weil sich viele bei mehreren Berufsfeuerwehren bewerben, kämpfen die dann um die besten Leute.

Zum Abschluss meines Mini-Aufnahmetests scheuchen mich Göran und Matthias noch einmal zum Sport. "Schneller schneller schneller" treibt mich Matthias beim 100-Meter-Sprint an. Am Ende zeigt seine Stoppuhr 14:42 Sekunden. Damit habe ich den Sprinttest knapp bestanden. Oder?! "Eigentlich ja", meint Matthias mit verwirrtem Blick. Hm, und uneigentlich? "Auch. Das hätte ich jetzt an der Stelle nicht gedacht." Na vielen Dank auch.
Meerjungfrau mit Schnappatmung

Meine gute Laune darf ich im großen Finale im Schwimmbecken abkühlen - immerhin gehört zur Ausbildung auch das Rettungsschwimmerabzeichen. Zuerst 13 Meter Tauchen: Das schaffe ich ohne Probleme. Nachdem mich die Herren drauf hingewiesen haben, dass mein Po nicht an der Wasseroberfläche rumdümpeln darf, tauche ich bei knapp 18 Metern pustend wieder auf.

Das 100-Meter-Schwimmen gehe ich mutig kraulend an - bis mich Göran nach etwa 20 Metern freundlich schreiend drauf hinweist (man hört ja im Wasser so schlecht), dass ich das im Bruststil schwimmen muss. Wie bitte? 100 Meter in zwei Minuten Brustschwimmen?! Für Profis kein Problem, aber das erscheint mir durchaus ambitioniert. Wie eine Meerjungfrau mit Schnappatmung kämpfe ich mich die 50-Meter-Bahn im Geraer Hofwiesenbad hin und zurück. Göran und Matthias brüllen mir irgendetwas vermutlich Motivierendes zu. Aber ich höre nichts und sehe nichts mehr, so fertig bin ich. Am Ende zeigt die Uhr 1:57 Minute. Geschafft!

Und was sagen "meine" Ausbilder? Die sind nach eigener Aussage positiv überrascht. "Du hast die meisten Sachen mit Bravour bestanden. Naja, und die Klimmzüge kann man üben und im Baumarkt kannst du dich auch mal ein bisschen umschauen", sagt Göran mit einem Grinsen. Matthias gibt den Hinweis: "Trainieren, trainieren, trainieren!" Für die beiden ist Feuerwehrmann der tollste Beruf der Welt und sie hoffen auf viele gute Bewerber in diesem Jahr. Meiner neuen Karriere als Feuerwehrfrau stünde nach den guten Ergebnissen auch nicht mehr viel weg. Vielleicht bringe ich im Geraer MDR-Büro einfach mal eine Reckstange an die Wand?!

Aufnahmetest:

  • 100-Meter-Lauf in maximal 15 Sekunden
  • 3.000-Meter-Lauf in maximal 15 Minuten
  • Klimmzüge mindestens fünf Stück
  • Standhochsprung
  • Kasten-Bumerang-Test
  • 100 Meter Schwimmen in maximal zwei Minuten
  • Streckentauchen mindestens 13 Meter
  • Höhentauglichkeit (30 Meter Drehleitersteigen)
  • Test in Allgemeinwissen, Rechtschreibung und Mathematik
  • Technisches Wissen (Physik, Chemie und mehr)

Quelle: MDR THÜRINGEN
Text: Franziska Heymann

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